Amis: Strafprozess um eine "reine Abzocke"

Der Finanzdienstleister brachte viele um ihre Ersparnisse. Die Geschädigten schauen bis heute großteils durch die Finger.

Es war einmal ein Geistlicher namens Amis, der durch die Lande pilgerte und den Leuten das Geld aus der Tasche zog. Seine Gaunereien werden im ersten mittelhochdeutschen Schelmenroman Der Pfaffe Amis beschrieben.

Acht Jahrhunderte später brachte eine Finanzdienstleistungsgesellschaft namens Amis 16.000 sogenannte "kleine Leute" um ihre Ersparnisse, die sie als Vorsorge oder für ihre Kinder angelegt hatten. 65 Millionen Euro gingen 2005 den Bach hinunter, "eine reine Abzocke", wie Staatsanwalt Michael Radasztics sagt. Die Betrüger Harald Loidl und Dietmar Böhmer wurden zu je sieben Jahren Haft verurteilt und dürfen schon wieder spazieren gehen. Ein dritter Manager, Wolfgang G., bekam erst am Dienstag im Wiener Landesgericht seinen Prozess. 

Reizvoll

Er habe das "bösartige Zusammenspiel" der Amis-Chefs nicht durchschaut, geschweige denn daran mitgewirkt, behauptet der Angeklagte. Die Tätigkeit als Wertpapierhändler sei so reizvoll gewesen. 2003 kam allerdings auf, dass er selbst als Haft-Freigänger bei Amis zu arbeiten begonnen hatte und eine Betrugsvorstrafe hat ... Richterin Daniela Setz-Hummel korrigiert: "Sieben Vorstrafen" (die inzwischen getilgt sind). Jedenfalls musste G. damals gehen, weil sich das nach Ansicht von Böhmer nicht so gut macht. Er sei glücklich gewesen, ausscheiden zu können, sagt der Angeklagte. Denn kurz zuvor hätten ihn Böhmer und Loidl eingeweiht. Das Urteil ist für Mittwoch geplant. 

Die Geschädigten schauen bis heute großteils durch die Finger, nur wenige haben 20 Prozent ihres veranlagten Betrages aus Luxemburg zurückbekommen. Dort liegen noch 60 Millionen Euro auf einer Depotbank, aber die Auszahlung lässt auf sich warten. 

Zu holen könnte etwas bei der Anlegerentschädigung (bei der Amis Mitglied war) sein, sowie beim Staat (Amtshaftung). Die Anwälte Benedikt Wallner und Andreas Köb haben Urteile erkämpft, wonach der Schaden bei entsprechender Kontrolle (Finanzmarktaufsicht) verhinderbar gewesen wäre. Diese könnten noch heuer schlagend werden.

Quelle: Kurier / 28.09.2010 / Ricardo Peyerl