Auch bei Krediten gilt: Lernen vom Internet

"Wenn Leute mit etwas Schwierigkeiten haben, ist es nicht ihre Schuld - es liegt am Design" Donald Norman, "The Design of Everyday Things"

Auf einem idealen Markt würden Kunden kein zweites Mal ein unbrauchbares Produkt kaufen. Bei Finanzprodukten merkt man es viel zu spät, wenn sie nichts taugen. Noch nie haben so viele Kunden über einen Wechsel ihres Geldinstituts nachgedacht (Zeh, ÖBA 2010,485). Kreditverträge enthalten seitenlange Freizeichnungsklauseln, mit denen die Bank sämtliches Risiko auf die Kundschaft überwälzt; Sparbuchzinsen erreichen nicht die Inflationsrate; Girokonten verschlingen Unsummen an Gebühren.

Laut Verhaltensökonomik handelt die Kundschaft nicht so rational wie angenommen. Deswegen müssen richtige Menschen in stärkerem Maße als Bewohner der rationalen Theorie geschützt werden: vor denen, die absichtlich Schwächen ausnützen (Kahneman, "Thinking, fast and slow").

Laut Joseph Stiglitz hat ein Bankensystem der Gesellschaft zu dienen und nicht umgekehrt ("Vanity Fair" 2012/01). Manche "Financial Services" wie Fremdwährungskredite, Devisenoptionen oder Subprime-Hypotheken sind finanzielle Massenvernichtungswaffen. Gefährliche Produkte gehören reglementiert und in einem staatlich beliehenen Betrieb vertrieben. Dort müsste auch die Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen Finanzprodukten sichergestellt sein. Der Bundesschatz könnte als verpflichtende Sparform für die ersten 100.000 € (die Einlagensicherung) herhalten: Erst wer mehr zu sparen hat, soll sich dem freien Markt hingeben dürfen. Staatliche Eingriffe sind notwendig, aber nicht hinreichend. Der Staat ist schwerfällig, er kontrolliert langsam oder gar nicht. Politik könnte aber die Marktkräfte instrumentalisieren, um den Produkten ein Design zu geben, sodass ihnen Mechanismen eingebaut werden, die größeren Schaden verhindern.

Manche mögliche Funktionen eines Produkts dürfen sich in bestimmten Situationen nicht betätigen lassen wie das Ausfahren der Schubumkehr, während das Flugzeug in der Luft ist ("Interlock"). Norman nennt so etwas Zwangsfunktionen.

Den gleichen Zweck erfüllt Embedded legal knowledge: Softwarefirmen knüpfen etwa die Verwendbarkeit ihrer Programme an die Fiktion, dass der User Lizenzbedingungen - durch Anklicken - zugestimmt hat. In der Welt der Bits und Bytes ist Nichteinwilligung keine Option mehr (Susskind, "The End of Lawyers?"). Das ginge auch bei Finanzprodukten: Ein Kreditvertrag darf keine einseitig benachteiligenden, unerwarteten oder intransparenten Bedingungen enthalten - warum ihn nicht gleich auf das beschränken, was auf einer Seite Platz hat? Der Wortbestandteil "spar" ist gesetzlich geschützt (§ 31 BWG) - warum nicht automatisch alles, was "spar" im Namen führt und kein Sparbuch ist, mit acht Prozent über dem Eckzinssatz verzinsen?

Ein Design ist schlecht, wenn es kein Interlock enthält, das verhindert, dass ein brauchbares Produkt Schaden zufügt. Ein mit Interlock designtes Produkt wird von der Kundschaft als intelligenteres Produkt wahrgenommen und verkauft sich besser (Norman). Marketing designt Verbrauchsgüter so, dass die Anforderungen der Anbieter bedient werden. Aber sollten nicht die Anforderungen der Kundschaft erfüllt werden?

Überlassen wir Design den Anbietern, dann darf nicht überraschen, wenn sich die von uns bezahlten Produkte als für sie günstig erweisen: Sie haben sie schließlich dafür gebaut.

Benedikt Wallner

Quelle: WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-11-16