Neue Betrugsmasche: Überweisung kostete Wiener 120.000 Euro

Betrüger fischen Rechnungen aus Postkästen und manipulieren sie – wieder ein Fall in der Wiener City.

Ein paar falsche Zahlen können teuer kommen. 120.000 Euro teuer, um genau zu sein.

Wie der KURIER berichtete, treibt aktuell eine Betrügerbande in der Wiener Innenstadt ihr Unwesen. Hohe Rechnungen werden aus den Postkästen gefischt. Dann werden die Bankdaten auf den Rechnungen verändert – und schon landen Tausende Euros auf einem falschen Bankkonto. Innenstadt-Galerist Gerald Hartinger machte als erster auf diese Betrugsmasche aufmerksam. Bei ihm betrug der Schaden 35.000 Euro. Jetzt meldete sich der Anwalt eines weiteren Opfers beim KURIER. Hier ist der Schaden noch höher.

„Mein Klient, er hat seinen Bürostandort ebenfalls im ersten Wiener Gemeindebezirk, hatte eine postalisch übermittelte Rechnung für unternehmerische Leistungen über zirka 120.000 Euro bezahlt“, sagt Anwalt Benedikt Wallner. Doch das Geld kam nie an der richtigen Adresse an.

Ermittlungen ergaben: Die Kontodaten auf der Rechnung waren verändert worden. Das Geld landete bei Betrügern. Zwar wurde sofort die Polizei informiert – doch das Geld war bereits weg.
 

Falsche Identität

Wie sich herausstellte, hatte eine Frau aus Frankreich das Konto bei der Bawag eröffnet (es sollen mehrere Konten bei verschiedenen Bankinstituten betroffen sein, Anm.). Sie wies einen französischen Pass vor und gab zwei Wohnadressen an – eine in Wien, die andere im Großraum Paris. „Eine zumindest ähnlich aussende Person ist auch auf den Fotos der Überwachungskamera beim Abheben zu sehen“, schildert Anwalt Wallner. Die Frau tingelte von einer Filiale in die nächste, um sich jeweils 10.000 Euro bar auszahlen zu lassen.

Wallner selbst setzte sich mit der französischen Polizei in Kontakt und bat, die Identität der Frau zu prüfen. „Die Police Municipale teilte mir mit, dass sie einen Streifenwagen zur besagten Adresse geschickt und festgestellt hat, dass es dort laut den Postbrieffächern keine solche Person gibt“, sagt Wallner.

Millionenschaden

Wie berichtet, soll es mittlerweile etliche Opfer geben, der Schaden dürfte in die Millionen gehen. Die Polizei will sich nicht dazu äußern.

Was Jurist Wallner ebenso wie Anwalt Gerold Beneder (er vertritt Galerist Hartinger) sauer aufstößt: Die Banken halten sich schadlos. Den Schaden hat derjenige, der den Betrag an das falsche Konto überwiesen hat.

„Es ist keinesfalls zumutbar und auch nicht üblich, in jedem Einzelfall beim Rechnungsaussteller nachzufragen, ob die auf der Rechnung aufscheinende Kontoverbindung tatsächlich stimmt“, ärgert sich Wallner. „Dem Geldinstitut hätte auffallen müssen, dass hier ein privates Empfängerkonto, das nicht auf den Rechnungsaussteller lautet und niemals nennenswerte Habenbestände aufgewiesen hat, mit der Summe von mehr als 100.000 Euro dotiert und an ein- und demselben Tag in mehreren Angriffswellen zu jeweils hohen Barauszahlungen wieder belastet wurde – was eindeutig auf kriminelle Tätigkeit hinweist.“ Schon wegen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung hätte das auffallen müssen.

Die Bawag kennt die Betrugsmasche, sie sei als „invoice fraud“ international bekannt. „Wir unterstützen im Rahmen unserer Möglichkeiten die Ermittlungsbeamten bei der Ausforschung der Täter“, heißt es. „Man muss leider bei diesen Machenschaften von gut vernetzter, internationaler Kriminalität ausgehen.“

 

Ein Fall fürs Gericht

Wichtig für Geschädigte sei, möglichst rasch Meldung bei der Bank zu erstatten. „Dann kann der Abfluss der Gelder verhindert werden.“ Das sei in der Vergangenheit auch schon mehrfach gelungen. Präventive Möglichkeiten seien aber begrenzt, weil die Konten mit korrekten Papieren eröffnet werden.

Rechtsanwalt Wallner überlegt nun, die Gerichte mit dem Thema zu befassen. „Die Empfängerbanken haben wohl schon monatelang Kenntnis von diesem Bandenunwesen, nehmen aber Schäden der überweisenden wie auch der eigenen Kunden billigend in Kauf.“ Er will – wenn sich andere Geschädigte anschließen – einen Rechtsgutachter beauftragen. „Die Kosten könnten dann aufgeteilt werden.“

Quelle: Michaela Reibenwein, Kurier, 15.09.2019