Schiffsfonds unter Wasser - Österreicher verloren Geld

Anlage. Da deutsche Schifffonds tief in der Krise stecken, fürchten rund 10.000 heimische Anleger um ihr Geld. Klagewelle rollt auf Banken und Prospektkontrollore zu.

Wien. Mit der Wirtschaftskrise ist das Geschäft mit Containerschiffen und Tankern eingebrochen. Die strudelnden Fondsgesellschaften verlangen nun von den Anlegern, Ausschüttungen zurückzuzahlen oder noch mehr Geld einzuschießen. Es handelt sich bei den Beteiligungen mehrheitlich um - hochriskante - geschlossene Fonds mit Laufzeiten von zehn bis 25 Jahren, die auch in Österreich in großem Stil von Banken verkauft wurden.

Etwa 10.000 heimische Anleger müssen jetzt um ihr Geld zittern, sie haben in den Jahren 2004 bis 2008 bis zu 700 Mio. Euro via Fonds in Kühl- und Containerschiffe oder Tanker investiert. Die Mindesteinlage betrug meist 10.000 oder 20.000 Euro, die versprochenen Renditen erreichten schwindelerregende Höhen. Speziell in Deutschland glaubten viele an den Aufschwung des weltweiten Containermarkts, mehr als 30 Mrd. Euro stecken in dem Nachbarland in Schiffsbeteiligungen.

Banken mitgefangen

Mittlerweile muss aber nahezu täglich ein deutsches Schiff Insolvenz anmelden oder zum Verschrottungspreis verscherbelt werden. Sogar finanzierende Banken, etwa die vom Staat aufgefangene HSH Nordbank, ist deswegen in Seenot geraten.

Als Schiffe noch als lukratives Investment galten, sind deutsche Fondsgesellschaften wie zum Beispiel die MPC auch in Österreich großflächig auf Kundenfang gegangen. Die Anteile wurden unter anderem von Sparkassen, Raiffeisenbanken und Volksbanken vertrieben, ebenso von der Privatbank Kathrein.

Der MPC-Fonds "Merkur Sky" ist mittlerweile insolvent. Viele besorgte Anleger haben ihre Anwälte eingeschaltet.

Anwälte bringen sich in Stellung

Die Chance, von den Fondsgesellschaften selbst etwas zurückzubekommen, werden als gering eingeschätzt. Einige Rechtsvertreter wollen es daher bei Banken und Beratern probieren. Diese hätten nämlich die Kunden nicht ausreichend auf die Risiken hingewiesen, meinte etwa Anwalt Benedikt Wallner, der rund hundert Geschädigte vertritt, am Mittwoch im ORF-Radio. In Extremfällen sei sicherheitsorientierten Personen, die für ihre Enkel oder die Pension vorsorgen wollten, ein Schiffsfonds empfohlen worden. Obwohl die Berater oft selbst nicht um das Risiko gewusst hätten, gehe man nun gegen Banken wegen Falschberatung vor.

Kritik kommt auch vom Kapitalmarktexperten Manfred Lappe, der für Wallner ein Gutachten zur "Merkur Sky" erstellt und für den Verein für Konsumenteninformation (VKI) einige Bücher geschrieben hat. In Österreich würden die Anleger zu wenig über die tatsächlichen Risiken bei geschlossenen Fonds aufgeklärt. Anders als in Deutschland gebe es in Österreich nicht einen Prospekt, sondern zwei. Im Beratungsgespräch werde oft eine "Hochglanzbroschüre mit Werbeaussagen" vorgelegt, für die der Anbieter jedoch nicht hafte. Der eigentliche, bei der Kontrollbank (OeKB) aufliegende Kapitalmarktprospekt komme nie in Umlauf, Anleger bekämen diesen nur, wenn sie explizit nachfragten, so Lappe zu "Ö1".

Prospektfehler

In seinem Gutachten für Wallner ortet Lappe einige Ungereimtheiten im Kapitalmarktprospekt für das MPC-Containerschiff "Merkur Sky", wie das "Format" im Februar berichtet hatte. In den Jahren 2006/07, als das Schiff in Österreich an den Mann und die Frau gebracht wurde, sei es - für viele kaum ersichtlich - schon zehn Jahre im Einsatz gewesen. Dennoch seien die Anschaffungskosten mit 36,5 Mio. Euro nur knapp unter dem Neupreis für ein Containerschiff angesetzt worden. Auch die Charterraten seien viel zu hoch angesetzt gewesen. Bei der Größe des Schiffes wiederum dürften sich die Prospektersteller schlichtweg um 124 TEU (Twenty-foot Equivalent Unit") verrechnet haben. "Es konnte sich von vornherein kein Gewinn für die Anleger ausgehen", ist Anwalt Wallner dem Magazinbericht zufolge überzeugt.

„Nie die Chance zu reüssieren"

Mit der Krise habe das Schiffsdebakel nichts zu tun, sagte Wallner am Mittwoch. "Das ist ein Mythos. Es wurden einfach zu viele Schiffe in den Markt gedrückt." Der Rechtsvertreter spricht sogar von einem "pyramidenartigen Aufbau". "Merkur Sky" zum Beispiel "hatte nie die Chance zu reüssieren."

Wallner vertritt nicht nur MPC-Anleger, sondern auch Kunden, die vom Hamburger MPC-Konkurrenten, dem vor der Krise rasant gewachsenen Hamburger Investmenthaus HCI kommen. Viele Österreicher haben in den HCI-Fonds "Shipping Select 26" investiert. "Das ist eine Flotte von acht Schiffen. Von diesen sind vier insolvent", so der Rechtsvertreter. Im Falle von HCI hat er bereits einen Prozess angestrengt, und zwar gegen die Erste Bank. Ein Urteil dürfte in Kürze vorliegen. "Das war der erste Fall, der in Österreich prozessiert wurde", sagt Wallner.

Klagen ante portas

Weitere dürften folgen. "Wir sind dabei, dutzende Klagen einzubringen." Dabei werden nicht nur Banken in die Pflicht genommen, sondern auch Prospektkontrollore. Diese sind laut Wallner verpflichtet, die Emittenten-Aussagen auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen, was nicht immer in ausreichendem Maße geschehen sei. Bei der MPC hat der Anwalt bereits eine Klage gegen den Prospektkontrollor Interfides eingebracht.

Der Schiffbruch mit Fonds hat zwischenzeitlich auch den VKI auf den Plan gerufen. "Wir prüfen die Verantwortung der österreichischen Banken im Vertrieb", sagte VKI-Chefjurist Peter Kolba. Die Verbraucherschützer bereiteten sich darauf vor, Klagen einzubringen. Kolba zufolge haben in Österreich nicht nur betuchtes Klientel mit Schiffen Geld verloren, sondern auch zahlreiche "kleine Sparer".

Quelle: Witschaftsblatt (APA), 6.3.13