Marode Schiffsbeteiligungen, Klagswelle erreicht Österreich

Ein stattliches Containerschiff durchpflügt voll beladen das Meer. Die Sonne scheint, und als Betrachter dieser beschaulichen Szenerie auf hoher See hat man fast das Gefühl, die Meeresluft riechen zu können. Betitelt ist das Bild ebenso einladend mit „Der Erfolg geht weiter". Es prangt auf einem Werbeprospekt des Emissionshauses HCI Austria aus dem Jahr 2008. „Wirtschaftlich sinnvoll", „steuerlich reizvoll", „renditestark" – nicht nur mit Bildern, auch mit Worten wurden die Anleger damit zum Kauf von Schiffsbeteiligungen gelockt.

Und tatsächlich, die Werbung machte sich bezahlt. In den Jahren 2003 bis 2008 boomte das Geschäft mit Schiffsbeteiligungen nicht nur in Deutschland, auch im Binnenland Österreich waren Schiffe ein Renner. In Deutschland flossen 32,4 Milliarden Euro in 1.430 Schiffsbeteiligungen. Für österreichische Anleger gehen die Schätzungen auseinander: 350 bis 750 Millionen Euro wurden hierzulande in Container-, Kühlschiffe und Tanker gesteckt, meinen Experten. 50.000 Euro investierten Privatanleger hierzulande im Schnitt in Schiffsanteile, deutlich mehr als Deutsche mit bloß 35.000 Euro.

Jetzt beginnt das große Wehklagen. Denn was sich einige Jahre lang als ertragreiche Anlageform erwies, wächst sich nun zu einem wahren Desaster aus: Mehr als 100 Schiffsfonds mit einem Wert von 1,7 Milliarden Euro haben in den letzten Monaten Insolvenz angemeldet, weitere 800 Schiffe kämpfen gerade darum, nicht komplett unterzugehen.

Markt bricht weg.

Dabei klang 2008 alles noch so simpel in dem HCI-Prospekt: Seit fünf Jahren in Serie wuchs der weltweite Containerumschlag im zweistelligen Bereich. „Für eine Abschwächung des Wachstums gibt es derzeit keinerlei Hinweise", lautete die Conclusio der HCI-Leute. Mindestens zehn Prozent Rendite wurden in Aussicht gestellt, ohne großes Risiko.

Doch damit hatten sich die Schiffsverkäufer gründlich getäuscht. Ende 2008 brach die Weltkonjunktur ein, die Schiffe konnten nicht mehr voll beladen werden und warfen deshalb auch kaum mehr Erträge ab (siehe auch Grafik links unten). Zumal in den Boomjahren auch Schiffe auf die Reise geschickt wurden, als der Markt bereits längst gesättigt war. Eine nachhaltige Erholung des Markes soll erst wieder 2014 einkehren, glauben Experten.

Für viele Anleger könnte es dann aber bereits zu spät sein. So wie für jene, die sich bei der stolzen MS Merkur Sky einkauften, einem Containerschiff, vom deutschen Emissionshaus MPC exklusiv in Österreich vertrieben. Die Gesellschaft musste Ende Juni Insolvenz anmelden, als ein Sanierungskonzept an der Aufbringung von lediglich 1,2 Millionen Euro scheiterte. Die Anleger wollten offenbar nicht noch gutes Geld dem schlechten nachwerfen. Insgesamt ist der Schaden von 14 Millionen Euro relativ überschaubar, für jeden einzelnen Anleger bedeutet die Insolvenz aber nahezu einen Totalverlust des Investments. Versprochen wurde vom MPC damals ein Gesamtmittelrückfluss von 195 Prozent.

Großbanken sehr aktiv.

Weitere 46 Schiffe mit so schönen Namen wie Santa Placida, die auch oder ausschließlich unter österreichischer Flagge fahren, gehören zum Portfolio von MPC. In diesen Schiffen steckt mehr als eine halbe Milliarde Euro an Anlegergeldern, und manche von ihnen sind gehörig in Seenot geraten. Aber nicht nur MPC sammelte gemeinsam mit dem Hauptvertriebspartner Raiffeisen in den Boomjahren tüchtig Geld für die Schifffahrt in Österreich ein. Wie MPC verfügte der deutschte Konkurrent HCI in Wien sogar über ein eigenes Vertriebsbüro, das mittlerweile aufgelöst ist. Auch andere Anbieter wie König & Cie, Dr. Peters und die britische Lloyds überfluteten den heimischen Markt mit Schiffspapieren. Den Löwenanteil beim Österreich-Vertrieb erledigten jedoch die Großbanken. „Zwei Drittel des Vertriebs von Schiffsbeteiligungen liefen über die Großbanken wie Erste Group und Raiffeisen", weiß Alexander Endlweber, ein Experte für Geschlossene Fonds.

Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass eine der ersten Schadenersatzklagen in Sachen Schiffsbeteiligungen sich ausgerechnet gegen die Erste Bank richtet. 116.000 Euro Schaden hat Anwalt Benedikt Wallner namens eines Mandanten wegen Fehlberatung eingeklagt. „An sich gefährliche Beteiligungen wurden als ungefährlich dargestellt.", erklärt er. Auf Veranstaltungen seien die Papiere als „todsicher" und die Schiffe als stets ausgelastet angepriesen worden, meist sei auch der Prospekt nicht einmal übergeben worden, sagt Wallner, der bereits zehn Klienten mit maroden Schiffspapieren um sich geschart hat.

In Summe könnte der Schaden für heimische Privatanleger einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen, so wird in der Branche vermutet. Meist bemerken die Anleger erst, dass mit ihrem Investment irgendetwas nicht stimmt, wenn die regelmäßigen Ausschüttungen ausbleiben bzw. sie zu Nachzahlungen aufgefordert werden.

So wie Wallner will auch sein Kollege Michael Poduschka zuerst einmal gegen die Berater, also hauptsächlich gegen die Banken, vorgehen. Denn die Emittenten sitzen zumeist im Ausland, was die Sache komplizierter macht. Er warnt davor, dass Anleger nicht zu lange untätig sein sollten, denn „Sobald man das erste Schreiben bekommt, dass mit der Beteiligung was nicht stimmt, beginnt die Verjährungsfrist zu laufen." Und einige Schiffe waren bereits 2009 in Schieflage.

Produkte nicht zugelassen.

Auch Lukas Aigner von der Kanzlei Kraft & Winternitz will bereits in mehreren Fällen Beratungsfehler beim Vertrieb von Schiffsprodukten herausgefunden haben: „Die Anleger wurden nicht darüber aufgeklärt, wie illiquid die Beteiligung ist, und meist stimmt auch der Planungshorizont der Anleger nicht mit dem Produkt überein." Denn dass Schiffsinvestoren zumindest zehn Jahre gebunden sind, war nur den wenigsten bekannt. Die Aufklärung über die Vermittlungsprovision blieb mitunter ebenso aus. Aigner ist sogar schon auf Fälle gestoßen, in denen die Produkte in Österreich gar nicht zum öffentlichen Vertrieb zugelassen waren. Das könnte für den Verkäufer auch strafrechtliche Konsequenzen haben.

Noch ist die große Klagswelle in Österreich ausgeblieben, anders als in Deutschland. Dort wurden bereits Tausende von Schadenersatzklagen eingebracht, zum Teil auch gegen die Emittenten wegen der Prospekthaftung. Mathias Nittel, deutscher Anlegeranwalt, ist mit den bislang erwirkten Urteilen zufrieden: „Die Quote ist sehr, sehr gut." Und er schätzt auch die Chancen österreichischer Anleger, zumindest Teile ihres Geldes am Gerichtsweg zurückzubekommen, als hoch ein.

Banken beruhigen.

Die heimischen Banken sind bemüht, den Ball möglichst flach zu halten. „Es trifft ja keine Sparbuchsparer. Die Anleger waren sich der Risiken voll bewusst", ist Chrisian Ohswald, Leiter der Private Banking bei Raiffeisen Wien, überzeugt. Genaue Zahlen, wie viel Anleger in Schiffsbeteiligungen investiert hätten, könne er keine nennen. Klagen gegen Raiffeisen Niederösterreich-Wien seien noch nicht eingelangt, der Vertrieb von Schiffsfonds wurde dennoch eingestellt. Bei der Erste Group will man sich zur kürzlich eingelangten Klage unter Hinweis auf ein laufendes Verfahren nicht äußern. Die Bank versichert: „Wir haben stets über alle Risiken aus damaliger Sicht aufgeklärt." Aber solche Aussagen kennt man auch aus anderen Anlegerskandalen.

Quelle: Angelika Kramer, FORMAT 33/12 vom 17.08.2012, 20